Weihnachtsansprache an den gesunden Verstand Deutschlands

Das Jahr 2016 offenbarte menschliche Abgründe. Deshalb dürfen wir Werte wie Menschlichkeit, Mitgefühl und Rechtsstaatlichkeit aber nicht über Bord werfen. Gerade jetzt müssen wir Mut beweisen und den Frieden verteidigen. Eine Weihnachtsansprache an den gesunden Verstand Deutschlands.


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Manchmal dauert es einfach ein bisschen, bis sich die klassische „Weihnachtsstimmung“ vor Heiligabend einstellt. Oft bedeutet Weihnachten zusätzliche Aufgaben, zusätzlichen Stress. Bei mir gab es bis zu diesem Weihnachten 2016 jedoch immer eine Gewissheit: Wenn im Gottesdienst als letztes Lied „Oh du fröhliche“ gesungen wurde und die Organistin in der dritten Strophe die Register zog, um den Gesang nochmals donnernd zu untermalen - ja, dann stellte sich bis heute stets diese friedliche Weihnachtsstimmung ein. Ich dachte mir: Es ist doch wieder alles gut geworden.

Dieses Jahr ist das anders. Die Welt war seit meiner Geburt vor 24 Jahren noch nie so gefährlich, so zerklüftet, so nah an einem tosenden, dunklen Abgrund. Die Pfarrerin lässt in der Kirche „Fröhliche Weihnacht überall“ singen und ich fühle mich wie im falschen Film. Vielleicht war das zu optimistisch - aber als ich in die Kirche gegangen bin, hatte ich gehofft, einen Denkanstoß zu erhalten, einen Weg zu Antworten. Antworten auf die Fragen, die mich quälen.

Doch die Kirche schweigt. Wer mich kennt, der weiß, dass ich kein Mensch bin, der an die Kirche als Institution glaubt. Aber wie man sich nach einem solchen Jahr (schon wieder) in einer solchen Masse an hohlen und bedeutungslosen Floskeln und Riten ergehen kann, anstatt den Menschen in diesen Zeiten Halt zu geben - das hat mir die Sprache verschlagen. Mich wütend gemacht.

Es sind wahrhaft dunkle Zeiten, in denen wir leben. Und wir Menschen sind wahrhaft traurige Kreaturen. Dieses Fazit ziehe ich aus dem Jahr 2016. Die Flut an nicht enden wollenden, grausamen Bildern aus den Kriegsgebieten dieser Welt rauben mir den Schlaf. Wir fühlen uns machtlos und zu Hause in unserem Innersten angegriffen - zutiefst verunsichert in unsererm Bekenntnis zur Menschlichkeit. Wir fragen uns, wie es sein kann, dass uns einige jener angreifen, denen wir helfen. Wir fragen uns, welches Leid Menschen anderen Menschen antun können. Und es möchte uns der Mut versagen. Der Mut, zu dem zu stehen, was uns zu einem friedlichen Kontinent gemacht hat: Menschlichkeit. Mitgefühl. Rechtsstaatlichkeit.

Dunklen Versuchungen widerstehen und für Frieden kämpfen

Was es braucht, das ist vielleicht ein kleines Weihnachtswunder. Ein „und trotzdem“, gemeinsam und laut gesprochen. Für einen selbst, mit den Freunden, der Familie, als Nation, als vereinte Europäer. Lasst den Mut und den Stolz auf das Erreichte obsiegen über die Furcht vor dem Fremden, die in den Abgrund führt. Lasst die Güte, die Vernunft, das differenzierte Denken obsiegen über Hass, Pauschalisierung und Geschichtsvergessenheit. Lasst uns dafür sorgen, dass - wenn unsere Kinder uns fragen, was damals passierte - wir ehrlich sagen können, dass wir gemeinsam auf dem Posten standen. Dass wir gemeinsam gekämpft haben, um das wertvollste Geschenk, Frieden, an die nächste Generation weitergereicht zu haben. Dass unsere Gesellschaft da war, als sie getestet wurde. Und der Versuchung widerstand, den Fortschritt enden zu lassen.

Fürwahr: Die Zeiten sind nicht einfach. Sie sind nicht schwarz und weiß. Sie sind kompliziert. Aber Frieden ist kein Geschenk. Er muss erkämpft werden. Von jedem von uns, jeden Tag.

Machen wir unser Weihnachtswunder selbst wahr. Wir haben die Stärke, um die benötigten ausgewogenen und wohlbedachten Entscheidungen zu treffen und unsere Probleme Stück für Stück zu lösen.

Unsere Verfassung ist die Lehre aus über 50 Millionen toten Menschen auf der Welt. Ein Opfer, das so unbeschreiblich groß ist, dass mir kein passendes Wort einfällt, um zu beschreiben, wie entsetzlich es ist, dass heute Menschen aus plumpen Gründen und primitiven Motiven anfangen, an dem Sockel zu sägen, auf dem sie steht.

Drängen wir den tosenden Abgrund zurück. Mit Wissen, Vernunft und den unveräußerlichen Werten, die wir uns als Grundlage unseres Zusammenlebens gegeben haben.

Und dann - vielleicht in ein, vielleicht in zwei, vielleicht in zehn Jahren - können wir hoffentlich sagen: Es ist doch wieder alles gut geworden.

 

Letzte Änderung am Sonntag, 28 Januar 2018 19:26
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